Predigtarchiv
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Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis zu Markus 1, 1 - 9 von Pfarrerin Katharina Falkenhagen
In unserer Familie wird eine Geschichte immer wieder einmal erzählt, die aus der Zeit stammt, in der meine Urgroßmutter eine junge Frau war. Der Mann einer einfachen Frau aus der Nachbarschaft war verstorben. Die Frauen aus der Straße kamen, um Anteil zu nehmen und um der Witwe einen Besuch abzustatten.
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Predigt vom 17.1.16, dem letzten Sonntag nach Trinitatis, in der St.-Gertraud-Kirche zu Frankfurt (Oder)
Superintendent Schürer-Behrmann: Das muss gefeiert werden – Predigt über Lukas 15,11-32 - Gottesdienst zum Abschluss der Allianzgebetswoche 2016
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Matthias Reumann: Predigt über Sacharja 2,10-17
Gottesdienst zum Abschluss der Ökumenischen Bibelwoche 2016 am Sonntag, dem 20. März 2016 (Palmsonntag) im Lutherstift Frankfurt (Oder)
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Sup. Schürer-Behrmann: Frieden in Bedrängnissen
Predigt über Römer 5,1-5 am Sonntag Reminiszere, d. 21. Februar 2016 St.-Gertraud-Kirche Frankfurt (Oder) Fürbitte für die Bedrängten und verfolgten Christen
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Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti in der Kirche St. Georg von Pfarrerin Falkenhagen
Predigttext Johannes 20, 24ff.
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Predigtarchiv

30.04.2017 Miserikordias - Goldene Konfirmation Pfarrerin Katharina Falkenhagen

31.10.2016 Reformationstag Pfarrerin Katharina Falkenhagen

18.09.2016 17. Sonntag nach Trinitatis Pfarrerin Katharina Falkenhagen

03.04.2016 Quasimodogeniti Pfarrerin Katharina Falkenhagen

14.02.2016 Invokavit Pfarrerin Katharina Falkenhagen

24.01.2016 Septuagesimae Pfarrerin Katharina Falkenhagen

03.01.2016 2. Sonntag nach dem Christfest Pfarrerin Katharina Falkenhagen

20.12.2015 4. Advent Pfarrerin Katharina Falkenhagen

06.12.2015 2. Advent Anspiel zum T hema Geduld Pfarrerin Katharina Falkenhagen

31.10.2015 Reformationstag Pfarrerin Katharina Falkenhagen

18.10.2015 20.So.nach.Trinitates Pfarrerin Katharina Falkenhagen

19.04.2015 Misericordias Pfarrerin Katharina Falkenhagen

03.04.2015 Karfreitag Pfarrerin Katharina Falkenhagen

22.03.2015 Judika Pfarrerin Katharina Falkenhagen

15.03.2015 Okuli Pfarrerin Katharina Falkenhagen

24.12.2014 Heilig Abend Pfarrerin Katharina Falkenhagen

31.10.2014 Reformationstag Pfarrerin Katharina Falkenhagen

09.07.2014 12.Sonntag nach Trinitatis (Diakoniesonntag) Lindstaedt

26.05.2014 Rogate Pfarrerin Katharina Falkenhagen

03.05.2014 Glockenweihe Marienkirche Bischoff i. R. Wolfgang Huber

30.03.2014 Lätare Vikar Christian Guth

30.03.2014 Lätare Pfarrerin Katharina Falkenhagen

22.06.2013 1. Sonntag nach Trinitatis Pfarrerin Katharina Falkenhagen

29.03.2013 Karfreitag Pfarrerin Katharina Falkenhagen

28.03.2013 Gründonnerstag Pfarrerin Katharina Falkenhagen

08.04.2012 Ostern Pfarrerin Angelika Behnke

06.04.2012 Karfreitag Pfarrerrin Katharina Falkenhagen

05.04.2012 Gründonnerstag Pfarrerrin Katharina Falkenhagen

02.09.2012 Diakoniesonntag Superintendent Christoph Bruckhoff

31.10.2012 Reformationstag Pfarrerrin Katharina Falkenhagen Pfarrerin Susanne Seehaus

18.11.2012 Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr Pfarrerin Angelika Behnke

 

 

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis zu Markus 1, 1 - 9 von Pfarrerin Katharina Falkenhagen

Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. 3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. 5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; 6 aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. 9 Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.


Liebe Schwestern und Brüder, der Friede unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.
In  unserer Familie wird eine Geschichte immer wieder einmal erzählt, die aus der Zeit stammt, in der meine Urgroßmutter eine junge Frau war. Der Mann einer einfachen Frau aus der Nachbarschaft war verstorben. Die Frauen aus der Straße kamen, um Anteil zu nehmen und um der Witwe  einen Besuch abzustatten. Der Mann lag aufgebahrt in der bescheidenen Stube. Allerdings schien die Witwe nur wenig Trauer zu empfinden. Am Fußende des Bettes stehend sagte sie: „Dit schad dir gar nischt… Du hast mir lange jenuch jeärgert.“ Mit dem Tod des Mannes war der Frau offensichtlich ein großer Druck von den Schultern genommen.


Über Jahrhunderte war es für Frauen ein Ding der Unmöglichkeit, eine Ehe zu beenden auch wenn sie noch so schwierig war. Die Ehepartner waren schon allein aus wirtschaftlichen Gründen aneinander auf Gedeih und Verderb gekettet. Und wenn ein Mann seine Frau – aus welchen Gründen auch immer – verstieß, kam das fast einen Todesurteil gleich bzw. bedeutete dies für sie, fortan in größter Armut und gesellschaftlich stigmatisiert zu leben.
Gott sei Dank gehören solche Zustände in Mitteleuropa der Geschichte an. Frauen und Männer können frei entscheiden, wie sie ihr Zusammenleben gestalten wollen und Trennungen sind möglich, wenn ein Miteinander nicht mehr möglich ist.


Allerdings hat jedes Ding – und so auch hier – seine zwei Seiten. Wir beklagen, dass es in unserer Gesellschaft oft eine große Regellosigkeit und Beliebigkeit gibt. Oft sind bisher verlässliche Strukturen gar nicht mehr verlässlich und Menschen nehmen Schaden. Es ist für Kinder oft sehr schmerzlich, wenn das Konzept Familie immer wieder in Frage gestellt wird und sie sich nicht mehr auf beständige Bezugspersonen verlassen können.
Es ist eine hohe Kunst, genau abzuwägen zwischen Freiheit und Verbindlichkeit. Dieses Problem ist allerdings nicht neu. Wir haben als Evangelium einen Dialog zwischen Jesus und den gesetzestreuen Pharisäern gehört. Die Pharisäer hatten recht bald bemerkt, dass Jesus sehr frei mit der Tradition und den bestehenden religiösen und gesellschaftlichen Regelwerken  umging. Er hatte z. B. in Bezug auf das Ruhegebot am Sabbat gesagt:
Markus 2, 27: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Oder er hatte die provokante Frage gestellt: Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, Leben erhalten oder töten? (Markus 3, 4) Im Umgang mit einer Frau, die die Ehe gebrochen hatte, hatte Jesus den hart Urteilenden ins Gesicht geschleudert: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein! Jesus überschritt in seinen Handlungen und Worten immer wieder die bislang gewohnten Grenzen. Er stellte rein und unrein in Frage und provozierte mit seinen Ideen von einem Miteinander, in denen alle Regeln und Gesetze in erster Linie dem Leben und dem Frieden dienen sollten. Jesus hatte immer die Würde des einzelnen Menschen im Blick und provozierte alle, die meinten, genau zu wissen, was richtig und falsch, gut und böse, passend und unpassend ist. Er setzte sich gegen alle Konvention mit Huren und Sündern an einen Tisch und machte damit deutlich: Gottes Arme sind weit geöffnet und seine Gnade größer als alles, was sich Menschen ersinnen können. Auf der anderen Seite verschärfte er eben auch Gebote, die bisher galten z. B. im Blick auf die Feindesliebe oder eben auch auf die Ehe.
Er sah, welches Unglück oft über Frauen herein brach, wenn ihre Männer ihnen Scheidebriefe ausstellten, z. B. weil sie keine Kinder gebären konnten.  Die Regelungen in der Thora hatten zu einer menschenverachtenden Praxis geführt, die Jesus nicht hinnehmen konnte und wollte.
 

Im fünften Buch Mose lesen wir unter dem Stichwort „Ehegesetze“: Wenn jemand eine Frau zur Ehe nimmt und sie nicht Gnade findet vor seinen Augen, weil er etwas Schändliches an ihr gefunden hat, und er einen Scheidebrief schreibt und ihr in die Hand gibt und sie aus seinem Hause entlässt 2 und wenn sie dann aus seinem Hause gegangen ist und hingeht und wird eines andern Frau 3 und dieser andere Mann ihrer auch überdrüssig wird und einen Scheidebrief schreibt und ihr in die Hand gibt und sie aus seinem Hause entlässt oder wenn dieser andere Mann stirbt, der sie sich zur Frau genommen hatte, 4 so kann sie ihr erster Mann, der sie entließ, nicht wieder zur Frau nehmen, nachdem sie unrein geworden ist - denn solches ist ein Gräuel vor dem HERRN -, damit du nicht Sünde über das Land bringst, das dir der HERR, dein Gott, zum Erbe gegeben hat.


Man muss nicht viel Phantasie aufbringen, um zu erahnen, welche persönlichen Konsequenzen solche Regeln hatten. So war Jesu Rede auf den ersten Blick wohl eine Verschärfung der mosaischen Regel. Beim zweiten Blick stellt sich allerdings heraus, dass Jesus den Schutz der damals fast rechtlosen Frauen im Blick hatte. Sie sollten nach seiner Meinung eben nicht einfach so und willkürlich fortgeschickt werden können.  Mann und Frau sollten  verbindlich füreinander da sein.
Dass diese Idee Jesu in der weiteren Geschichte dann wieder zu Zwang und Unrecht führte, lässt uns ahnen, dass wir Menschen immer wieder dazu neigen, Freiheit in Unterdrückung zu wandeln.
Der Umgang mit Regeln, Gesetzen und Geboten ist in jeder Beziehung eine große Herausforderung. Immer wieder müssen wir neu fragen: Dienen die bestehenden Gesetze dem jeweiligen Menschen oder sind sie Instrumente der Unterdrückung und Knechtung.
 

Es ist ein hohes Gut, dass wir in einem Land leben, in dem Gesetz und Recht geachtet werden. Es ist gut, dass wir uns  in der Regel auf deren Einhaltung  verlassen können. Als Bürger dieses Landes sind wir weitestgehend vor staatlicher und individueller Willkür geschützt. Das ist in vielen Staaten dieser Welt nicht so. Dennoch: Gesetzte dürfen niemals um ihrer selbst willen durchgesetzt werden. Im Sommer 1950 – kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges und der menschenverachtenden Diktatur des Nationalsozialismus -  war der Beschluss gefasst worden, im Turm des Schöneberger Rathauses in Berlin eine Freiheitsglocke aufzuhängen. Nach ihrer Anfertigung  in Großbritannien  reiste die Freiheitsglocke auf einem Spezialfahrzeug durch 26 Städte der USA. Dabei spendeten über 16 Millionen Amerikaner für den Guss der Glocke und unterzeichneten den folgenden Freiheitsschwur, mit dem später viele Menschen in Ost- und Westdeutschland – auch ich - aufwuchsen. Jeden Sonntag um 12 Uhr wurden die ersten Zeilen im RIAS vorgetragen: "Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde des einzelnen Menschen. - Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. - Ich schwöre, der Aggression und der Tyrannei Widerstand zu leisten, wo immer sie auf Erden auftreten werden.-"
Besonders als mündige Christinnen und Christen sind wir dazu verpflichtet, auf die Achtung von Regeln und Gesetzen acht zu haben und dafür einzutreten, dass Recht und Gesetzt geachtet werden und gleichzeitig immer wieder zu fragen: Tun sie dem Gebot der Nächsten- und Gottesliebe genüge?
Denn gerade wir Deutschen wissen, dass jede Verselbständigung von willkürlichen menschlichen Regelwerken Diktatur und Gewalt bedeuten. An oberster Stelle müssen nach Jesu Willen immer Liebe, Gnade, Demut und Barmherzigkeit stehen. Das gilt für alle Bereiche des individuellen und gesellschaftlichen Lebens.
 

Seinen Mitchristen in der römischen Provinz Galatien schrieb der Apostel Paulus ins Stammbuch: So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld;  13 und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 14 Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.  (Gal. 3, 1 – 14)

Diese Verse haben bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.



 

Predigt vom 17.1.16, dem letzten Sonntag nach Trinitatis, in der St.-Gertraud-Kirche zu Frankfurt (Oder)

I

Liebe Gemeinde, 

Jesus war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Und die Geschichte, die in der Lutherbibel die „Geschichte vom verlorenen Sohn“ heißt, ist vielleicht seine bekannteste Geschichte. In diesem Jahr war sie das Thema der Allianzgebetswoche, die sie mit dem Thema „Willkommen zuhause!“ verband. An den Abenden der Bibelwoche wurden kurze Abschnitte, manchmal nur einzelne Sätze der Geschichte bedacht – aber die Geschichte ist so gut, dass jeder Satz auch der Titel für eine Folge in einer ganzen Serie von Geschichten, wie in einer Vorabendserie im Fernsehen sein könnte. Ich will diese kleine Vorabendserie anhand der Themen der Allianzgebetswoche nacherzählen: 

„Gott und seine Kinder“, so begann die Allianzgebetswoche, und der erste Tag widmete sich dem Auftakt der Geschichte in nur einem Satz: Ein Mensch hatte zwei Söhne. In einer Serie könnte gezeigt werden, wie sie aufwachsen, Kinder eines Vaters und einer Mutter, mit Erfahrungen, die sie verbinden, aber gleichzeitig mit unterschiedlichen Eigenschaften und Positionen im Familiengefüge. So werden sie zwei eigene Menschen. Der ältere, so erfahren wir später in der Geschichte, wird bodenständig, gewissenhaft und gehorsam – und der jüngere – neugierig, unternehmungslustig und freiheitsliebend. Ganz zufällig sind ihre Charakereigenschaften nicht verteilt – denn der Ältere hat so eine Zukunft als Erbe des Besitzes. Wenn der Jüngere etwas werden will, dann braucht dagegen die Eigenschaften, die wir gerade gehört haben.

Am Montag hieß es „Wenn Beziehungen zerbrechen“: Der jüngere Sohn zieht einen Strich unter sein bisheriges Leben. Er lässt sich auszahlen und bricht in ein neues Leben in einem anderen Land auf. Die Beziehungen zum Elternhaus bricht er so ab, aber der Vater widerspricht nicht.

Der Titel des dritten Abends, der dritten Folge, lautete dann: „Alles gewollt, alles verloren“. Das wäre eine spannende Folge, wie der junge Mann sein Vermögen in der Fremde ausgab, wem er begegnete, wer sein Vertrauen ausnutze und wie er am Ende mittellos war und am Hunger zu zugrunde zu gehen drohte. Böse war er wohl nicht, aber vielleicht naiv und unerfahren … 

Wie ginge es weiter? „Wende statt Ende“ hieß am Mittwoch der vierte Abend, die vierte Folge. Der junge Mann erinnert sich im Elend, irgendwo bei den Schweinen, die er hüten muss, an sein Zuhause und nimmt sich vor, wieder nach Hause zurückzukehren und um Aufnahme zu bitten, allerdings nicht wieder als Sohn, sondern als Tagelöhner sei-nes Vaters. Vielleicht lernt er den Satz auswendig, den er seinem Vater sagen will, damit er ihn aufnimmt: „Mein Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor Dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“ 

Nur ein Satz war das Thema des fünften Abends am Donnerstag: „Als er, der Sohn,  aber noch weit entfernt war von seinem Elternhaus, in das er zurückkehren wollte, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ Der Abend trug den Titel „Was für ein Vater“. Wir können uns die Einblendungen ins Haus des Vaters vorstellen, wo er manchmal an seinen Sohn denkt, und dann die Freude darüber, wie er ihn wieder aufnimmt: Ja, was für ein Vater, der nicht fragte: Was siehst Du aus? Was hast Du mit dem Geld gemacht? Meinst Du immer noch, dass Du uns nicht brauchst? Was für ein Vater, der nicht gefangen ist in seinen Verletzungen, sondern der frei ist zur Liebe und dazu, sie zu zeigen, und der keine Angst hat, was die Leute wohl sagen werden.

Und am Freitag hieß es dann „Wie neu geboren“. Nachdem der Vater ihn begrüßt hat, sagt der Sohn seinen gelernten Satz – und er wird innerlich neu, und ein Fest wird gefeiert, ein Fest mit gutem Essen und guter Kleidung und voller Freude: „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“ Und nun könnte die Kamera noch ein Bilder vom Fest zeigen und dann ausblenden, und die Geschichte vom verlorenen Sohn wäre zu Ende ...

 

II

… denn den ersten Abend, die erste Folge, haben wir ja fast vergessen. (Und in dem Titel in der Lutherbibel ist er ja sogar ganz vergessen, wenn es heißt: Die Geschichte vom verlorenen Sohn – anscheinend nur ein Sohn!) Aber dann fällt uns ein: Da waren doch zwei?!

Und also schwenkt die Kamera und die letzten beiden Folgen zeigen die die Geschichte vom älteren Sohn, der Zeit seines Lebens zuhause ge-

blieben war. „Zuhause und doch weit weg“, so heißt die vorletzte Folge: Der ältere Sohn ist treu und fleißig bei der Arbeit in der Landwirtschaft auf dem Feld - und dort hat er nichts von der Rückkehr und der überschwänglichen Begrüßung seines Bruders mitbekommen: Aber als er nach getaner Arbeit von der Feldarbeit zum Haus zurückläuft, hört er Singen und Tanzen und fragt, was denn da los ist - und als er den Zusammenhang hört, ist er empört. Wir sehen ihn da wutentbrannt vor dem Haus seines Vaters stehen, und wir würden alle nächstes Mal wieder einschalten, weil wir wissen wollen, wie es weitergeht. Wir sind einerseits noch gerührt von der wunderbaren Versöhnung des Vaters mit seinem jüngeren Sohn – aber andererseits können wir den älteren Sohn verstehen mit seinem Gefühl, dass ihm hier Unrecht getan wird.

Aber wenn wir dann die letzte Folge gesehen hätten, wären wir ratlos und vielleicht enttäuscht – denn Jesus beantwortet als Drehbuchautor unsere Neugier nicht. In der Allianzgebetswoche hat dieser Abschnitt die Überschrift „Das muss doch gefeiert werden!“, und er besteht im Gespräch zwischen dem Vater und dem älteren Sohn.  Der ältere Sohn ist voller Vorwürfe: Obwohl ich immer da war, und immer so gelebt habe, wie Du es willst, hast Du mir keine Feier ausgerichtet. Und nun belohnst Du noch meinen Bruder dafür, wie er Dich und uns behandelt hat. Und in seiner Wut spart er nicht mit Anschuldigungen: Erst an dieser Stelle in der Geschichte ist die Rede davon, dass der jüngere Sohn das Geld mit Huren verprasst hätte – vorher hieß es nur, er hätte es unsinnig ausgegeben. Ist es am Ende nur die Vorstellung des älteren Bruders, die aus seinen eigenen heimlichen unerfüllten Wünschen ent-springt, die er hier ausspricht? 

Aber der Vater  bleibt ganz ruhig und antwortet ihm eigentlich genauso liebevoll wie seinem jüngeren Sohn: Mein Sohn, Du bist allezeit bei mir. Und alles, was mein ist, ist dein! Erinnere Dich doch an all das Gute, was wir miteinander erlebt haben. Und wenn Du jetzt etwas haben möchtest, kannst Du es doch auch haben. Vielleicht nimmt er ihn  sogar in den Arm. Und dann wirbt er um ihn: Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden. Und wieder wird die Kamera abgeblendet, und wieder wissen wir nicht, wie es ausgeht ...

 

III

Willkommen zuhause! Liebe Gemeinde, Jesus war ein begnadeter Geschichtenerzähler, und es ist bestimmt kein Zufall, dass er hier abgebrochen hat. Denn er möchte, dass wir die Antwort geben, was der ältere Sohn nun tun wird.

Jesus‘ Geschichte hat nämlich zwei Pointen – die eine geht um Gott, und die andere geht um uns Menschen. Die Pointe, die um Gott geht, die haben wir im Laufe der Jahrhunderte im Protestantismus gut verstanden: Ja, Gott ist wie der Vater: Gott ist voller Liebe, die Rückkehr zu Gott ist jederzeit möglich und Gott nimmt uns jederzeit auf. Und Martin Luther hat das besonders in die Richtung hin ausgelegt, dass wir alle sind wie der verlorene Sohn – alle wenden wir uns von Gott ab, und alle erleben wir wenigstens im übertragenen Sinn hier und da Elend, und alle können wir zu Gott zurückkommen. Und das war für Luther in seiner Zeit, in der die Kirche mit Tod und Verdammnis drohte und in der er selbst als Kind nur von einem strengen und richtenden Gott gehört hatte, auch die wichtigste Botschaft. Und deswegen heißt die Geschichte für ihn die Geschichte vom verlorenen Sohn und deswegen hat er fast den älteren, den zweiten, ja eigentlich den ersten Sohn vergessen.

Heute wird die Geschichte aber meistens die Geschichte vom Vater und den beiden Söhnen genannt. Ich habe aber auch gelesen, dass sie in einer Auslegung die Geschichte vom Vater und den beiden verlorenen Söhnen genannt wird.

Und dabei kommt die zweite Pointe in den Blick, und die ist vielleicht sogar stärker Jesus‘ Pointe gewesen: Gott verliert nicht nur Kinder, weil sie ihn und seine Gebote vergessen und in jugendlichem Überschwang Fehler machen. Sondern Gott verliert auch Kinder, weil wir uns anmaßen, seine Gebote und seine Hilfe zum Leben zu Gesetzen zu machen,  mit denen wir andere Menschen verurteilen, wenn sie sich nicht daran halten. Und um diese verhärteten und verlorenen Kinder geht es ihm mindestens genauso wie um die anderen. 

Der Vater geht dem älteren Sohn entgegen und spricht mit ihm, und versichert ihm seine Zuneigung und lädt ihn ein, auch fröhlich zu sein.

Aber wird es ihm, wird es uns gelingen, diese Einladung anzunehmen?

 

IV

Liebe Gemeinde, willkommen zuhause! heißt die Allianzgebetswoche. Ich möchte behaupten, dass auch der ältere Sohn erst jetzt wirklich begreift, in welchem Haus er da wohnt. Und dass auch wir erst Gottes Haus ganz verstanden haben, wenn wir mit ihm die Einladung annehmen, gemeinsam mit dem jüngeren Sohn zu feiern. Weil wir Gottes Liebe nämlich erst in ihrer Weite und Tiefe richtig verstanden und erlebt haben, wenn wir begriffen haben, dass sie alle umfasst und in gewisser Weise sogar den Irrweg des jüngeren Bruders braucht, um sich in ihrer ganzen Größe zu offenbaren. 

In diesem Sinne möchte ich einen Abschuss für die Geschichte vor-schlagen: Ich stelle mir vor, dass der ältere Bruder der Einladung des Vaters folgt. Und im Laufe des Festes fragt er ihn, was er denn auf sei-nem Weg alles erlebt hat. Und der jüngere Bruder beginnt zu erzählen. Er erzählt lange, und der ältere Bruder wird stumm, weil er sich das nicht vorstellen konnte und weil er nun mit seinem jüngeren Bruder mitfühlt – und weil er dankbar ist, weil er das alles nicht erleben musste. Aber er wird auch stumm, weil er die Größe der Liebe seines Vaters erkennt. Und vielleicht nimmt er sich sogar vor, dass sie in Zukunft das Erbe gemeinsam teilen können – jeder mit seinen Gaben, er mit seiner Gewissenhaftigkeit und seinem Wissen – und sein Bruder mit seinen Visionen und seiner aus seinen Erfahrungen gewonnenen Menschlichkeit. Damit werden sie beide dem Erbe ihres Vaters gerecht – und nehmen an seiner Freude teil, und er kann sich über sie freuen.

Liebe Gemeinde, manche von uns sind vielleicht eher der jüngere Sohn – nach Umwegen und Irrwegen haben wir den Weg zu Gott gefunden und leben voller Dankbarkeit für seine Liebe. Andere sind eher der ältere Bruder – wir waren immer anständig und haben uns an die Regeln gehalten, und manchmal haben wir das Gefühl, das wird nicht richtig gewürdigt. Und manchmal ärgern wir uns über die anderen, die nicht so gradlinig sind, nicht fleißig, deren Ehen scheitern, die eine Ausbildung abbrechen, die vielleicht sogar eine Straftat begehen, die große Sprüche machen, die auch als Flüchtlinge nicht immer nur dankbar sind, und wir ärgern uns besonders, wenn solche, die es scheinbar doch gar nicht verdient haben, materielle Zuwendung und menschliche Aufmerksamkeit erhalten, die wir uns auch wünschen …

Gelingt es uns, uns daran zu erinnern, was uns Gutes geschehen ist? Gelingt es uns, zu fragen, was sie erlebt haben? Gelingt es uns, eine neue Gemeinschaft zu stiften, in der alle leben können? Gelingt es uns, Gottes unendliche Güte zu loben, die das alles möglich macht? Dann können wir fröhliche Menschen werden, wie Jesus sagt:  Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein: denn Deine Geschwister waren tot, und sind wieder lebendig geworden, sie waren verloren und sind wie-dergefunden. Mit dem Titel des letzten Abschnittes der Allianzgebets-woche, der letzten Folge unserer kleinen Vorabendserie möchte ich schließen: Wo uns das gelingt, da können wir sagen: Das muss gefeiert werden! Amen.

 
Matthias Reumann: Predigt über Sacharja 2,10-17

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

 

Die Ökumenische Bibelwoche geht mit diesem Gottesdienst zu Ende. Wir wollen noch einmal auf Worte des Propheten Sacharja hören. Es ist dieses Mal keine Vision, deren Bilder wir entschlüsseln müssten. Es sind klare Worte, die von der Zukunft sprechen, die Gott seinem Volk verspricht – eingefügt zwischen der dritten und vierten Vision, die er in dieser Nacht in Jerusalem geschaut hat. Worte, die er aber sicher nicht erst in dieser Nacht empfangen und später weitergesagt hat. Denn sie richten sich zunächst an die Juden, die noch in Babylonien leben. Ich lese aus dem zweiten Kapitel des Sacharja-Buches die Verse 10-17:

 

Auf, auf! Flieht aus dem Lande des Nordens!, spricht der HERR; denn ich habe euch in die vier Winde unter dem Himmel zerstreut, spricht der HERR. Auf, Zion, die du wohnst bei der Tochter Babel, entrinne!

Denn so spricht der HERR Zebaoth, der mich gesandt hat, über die Völker, die euch beraubt haben: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an. Denn siehe, ich will meine Hand über sie schwingen, dass sie eine Beute derer werden sollen, die ihnen haben dienen müssen. – Und ihr sollt erkennen, dass mich der HERR Zebaoth gesandt hat.

Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.

Und es sollen zu der Zeit viele Völker sich zum HERRN wenden und sollen mein Volk sein, und ich will bei dir wohnen. – Und du sollst erkennen, dass mich der HERR Zebaoth zu dir gesandt hat. – Und der HERR wird Juda in Besitz nehmen als sein Erbteil in dem heiligen Lande und wird Jerusalem wieder erwählen. Alles Fleisch sei stille vor dem HERRN; denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!

 

„Wohnst du noch oder lebst du schon?“ – jeder kennt diese Frage eines großen schwedischen Möbelhauses. Offensichtlich ist „wohnen“ nicht genug für ein wirklich erfülltes Leben, man muss auch wissen wie und mit welchen Möbeln. Ein Konkurrent nahm das zum Anlass, seinerseits zu fragen: „Schraubst du noch oder wohnst du schon?“ … und hatte eine teure Klage am Hals, weil man in Schweden nur den eigenen Humor wirklich schätzt.

Mit diesem kleinen Ausflug in die Möbel- und Werbebranche wollte ich nur darauf aufmerksam machen, dass es dem Propheten Sacharja in diesen Worten ganz grundsätzlich um das „Wohnen“ geht. Und das ist nun keine Frage der richtigen Inneneinrichtung. Es ist eine Frage nach dem richtigen Wohnort: Wo ist es gut zu wohnen? Und das hängt vor allem an der anderen Frage: Mit wem wohne ich dort zusammen?

 

Das erste Wort ist jedenfalls die dringende Empfehlung, den Wohnort zu wechseln: „Flieht aus dem Lande des Nordens!“ – Kehrt aus Babylonien zurück nach Juda und Jerusalem! Möglich war diese Rückkehr ja bereits seit einiger Zeit – seit Kyros es den in Babylonien lebenden Juden gestattet hatte, in ihre Heimat zurückzukehren. Es ist aber nicht zu einem Massenexodus gekommen, viele hatten sich in der Fremde eine gesicherte Existenz aufgebaut und scheuten die Reise ins Ungewisse. Jetzt waren fast zwanzig Jahre vergangen; der jetzt im großen Perserreich regierende Darios musste mehrere Aufstände niederschlagen, bevor er seine Herrschaft festigen konnte. Waren diese Unruhen der Grund für die Aufforderung zur Flucht aus Babylon? Mittlerweile herrschte Ruhe im ganzen, weiten Reich. In Sicherheit leben konnten sie in Babylon ebenso wie in der fernen Provinz Juda.

Der eigentliche Grund für die Aufforderung zur Rückkehr nach Juda und Jerusalem – schon wird die Stadt wieder „Tochter Zion“ genannt – scheint ein anderer zu sein: Auch der Gott Israels war aufgebrochen, es scheint, als habe auch er sich im Exil befunden – vielleicht nicht im babylonischen Exil, aber doch an seinem himmlischen Rückzugsort. Vielleicht haben wir dieses Wort so zu verstehen: „Er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte“. Jetzt aber will er wieder inmitten seines Volkes wohnen; würde er sein Volk dort antreffen? Und wo würde er wohnen?

 

Ja – wo wohnt Gott? Wenn wir einen Menschen der Antike fragen würden, würde er möglicherweise antworten: Gott oder die Götter wohnen im Himmel, also dem Menschen grundsätzlich entzogen und überlegen. Auch die Menschen in Israel und Juda würden zustimmen. Und doch hat Gott, haben die Götter auch eine irdische Adresse – ganz gleich, wie man sich ihr Wohnen auf der Erde vorstellte – dieser Ort war ein Tempel, in dem er wohnte, in dem er angebetet, in dem ihm geopfert wurde. Verstehen wir, warum den Propheten Haggai und Sacharja in dieser Zeit der Neubau des Tempels so wichtig war? Wenn Gott wieder bei seinem Volk wohnen wollte, dann brauchte es auch diesen Ort. Dann war dieser Ort wichtiger als alle Wohnhäuser der Menschen in Juda und Jerusalem. Wenn der Tempel allmählich Gestalt annahm – Stein auf Stein gebaut wurde, dann war es das sichtbare Zeichen dafür, dass das Wort des Propheten nicht nur Schall und Rauch gewesen war.

In ein paar Jahren würde der Schlussstein des Tempels gesetzt sein. Mit der feierlichen Einweihung würde das Opfer wieder beginnen, Gottesdienste gefeiert werden – der Tempel würde der Mittelpunkt des jüdischen Gemeinwesens sein. Und doch … vielleicht werden schon die Zeitgenossen Sacharjas gefragt haben – sicher aber spätere Generationen: War das alles? Hatte Gott nicht viel mehr versprochen? Der Prophet hatte die Zukunft doch wie die frühere Zionstheologie gemalt: Der Zion – Jerusalem als „Nabel der Welt“. Wo waren die Völker, die zum Zion strömten, um sich dem Gottesvolk anzuschließen? Das kleine jüdische Gemeinwesen würde auch in den nächsten Jahrhunderten – mit einer zeitweiligen Unterbrechung – eine kleine Provinz in großen Reichen bleiben, im persischen, in griechischen, im römischen Reich, um dann zum zweiten Mal alles zu verlieren. Das Land, die Stadt Jerusalem, den Tempel in ihrer Mitte. Wo war Gott? Was machen wir mit der großen Hoffnung, die uns in den Worten Sacharjas entgegenkommt und die doch in der Geschichte enttäuscht wurde?

 

Auf der Suche nach einer Antwort möchte ich uns die Fragen stellen, die die Menschen damals auch gestellt und auf ihre Weise beantwortet haben. Was denken wir: Wo wohnt Gott? Im Himmel – auch auf Erden, und wo da? Haben wir Verständnis für die Rede von „heiligen Stätten“, von einem „heiligen Land“ – und was hat das mit Gott zu tun? Kann es das denn im christlichen Glauben (noch) geben? Unsere Antwort wird davon abhängen, wie wir das Neue Testament verstehen, wie Jesus in dieser Wirklichkeit von Land, Stadt und Tempel gelebt hat; sie wird auch davon abhängen, ob es im Leben unserer Kirchen und auch in unserer persönlichen Spiritualität so etwas wie heilige Orte, besondere Orte der Begegnung mit Gott gibt – oder auch nicht. Ich versuche, drei Linien auszuziehen, die ich im Neuen Testament entdecke – wie die prophetische Hoffnung dort aufgenommen und weitergeführt wird:

 

1.  Jesus hat zum Tempel in Jerusalem ein zweideutiges Verhältnis. Es war ja nicht mehr das kleine Heiligtum aus der Zeit Sacharjas, es war von Herodes dem Großen zu einem monumentalen Komplex ausgebaut worden. So beeindruckend, dass die Jünger Jesu ihn ansprechen: „Sieh mal, diese riesengroßen Steine, was für ein großer Tempel!“ Jesus antwortet eher unbeeindruckt: „Hier wird kein Stein auf dem anderen bleiben“. Ja, es wird ihm später in der nächtlichen Verhandlung vor dem Hohen Rat ein Wort in den Mund gelegt, dass er selber Hand anlegen wolle, um den Tempel zu zerstören. Ein solches Wort finden wir in den Evangelien nicht; wir hören, wie Jesus im Tempel das geschäftige Treiben der Händler nicht ganz gewaltfrei unterbricht – der Tempel, das „Haus seines Vaters“ soll kein Kaufhaus sein, sondern ein „Bethaus für alle Völker“. Nicht unwichtig zu sehen, wie Jesus auch die anderen Völker im Blick hat – so wie schon Sacharja.

Im Johannesevangelium, das auch von dieser Episode erzählt, finden nun doch ein Wort, das so ähnlich klingt wie das, das man Jesus vorgehalten hat: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn (wieder) aufrichten“. Ein Wort, das dazu einlädt, es gründlich misszuverstehen, sodass der Evangelist erklärend hinzufügt: „Er aber sprach vom Tempel seines Leibes“ – und so auf Jesu Tod und Auferweckung deutet. Dieses Wort müssen wir ganz ernst nehmen: Wenn Jesus von sich selbst als vom einem Tempel spricht, dann heißt das: Der Ort, an dem Gott wohnt, ist hier. In Jesus ist Gott mitten unter uns. Im Matthäusevangelium ist er der „Immanuel“ – „Gott mit uns“. Und das gilt dann auch für seine Jünger und alle, die an ihn glauben werden: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“.

Wir sehen, dass der Tempel als Ort der Gegenwart Gottes sichtbar in den Hintergrund rückt. Die Person Jesu Christi rückt in den Vordergrund – in ihm ist Gott in unserer Mitte; damals sichtbar, hörbar, berührbar – heute unsichtbar, aber nicht weniger wirklich. Es gibt „heilige Orte“, doch heilig sind sie nicht durch ihre Architektur, durch ihre Altäre und heiligen Gegenstände. Sie können uns helfen, uns in der Gegenwart Gottes einzufinden; und deshalb ist es nicht unwichtig, wie wir unsere Kirchen und Gemeindehäuser gestalten. Zu einem heiligen Ort werden sie aber durch seine Gegenwart, wo sich Menschen im Namen Jesu versammeln. Das sind regelmäßig unsere Kirchen und Gemeindehäuser, aber das kann auch jeder andere Ort sein, an dem Christen unterwegs sind, miteinander beten, einander und anderen helfen – in einer Wohnung, im Flüchtlingsheim oder an der nächsten Straßenecke. Gott bindet seine Gegenwart nicht mehr an einen bestimmten Ort, seine Gegenwart schafft diese Orte.

 

2.  „Ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR“. Dieses Versprechen – so sahen wir – ist in der Person Jesu Christi ganz konkret geworden. Und da, wo Menschen sich in seinem Namen versammeln, da ist ein Ort, an dem Gott wohnt. Und so kann auch die Gemeinde als ein Tempel bezeichnet werden, wobei der Akzent mehr auf den Menschen liegt als auf dem Gebäude, in dem sie sich möglicherweise begegnen.

Dieses Wort rückt uns im Neuen Testament aber noch näher auf den Leib. Und das ganz buchstäblich – wir werden bald Gelegenheit haben, darüber noch eingehender nachzudenken. Als Monatsspruch für den Mai ist ein Wort des Apostels Paulus aus dem 1. Korintherbrief ausgewählt worden: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist? … Ihr gehört nicht euch selbst“. Auf diesen zweiten Satz will ich heute gar nicht näher eingehen, er ist herausfordernd genug. In einer Zeit, wo jeder sich vom anderen und seinen Ansprüchen abgrenzen will und auf seinen Rechten besteht: „Ihr gehört nicht euch selbst“. Aber dieser zweite Satz wird ja mit dem ersten begründet: „Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes“ – das heißt ja: Gott wohnt nicht nur bei uns, nicht nur in unserer Mitte, das heißt ja: Gott wohnt in uns.

Ich weiß nicht: Behagt uns das, dass Gott uns so nahe kommt? Dass er uns so auf den Leib rückt, uns nicht äußerlich bleibt, sondern in uns wohnt? Der Gedanke, dass Christus in mir lebt, die Rede davon, dass Gottes Geist in uns wohnt – sie beziehen sich auf dieselbe Realität. Die Realität, dass das Leben eines Christen nicht ohne diese enge Verbundenheit mit Christus gedacht werden kann. Das kann uns auch ein neues Gespür dafür geben, dass wir Menschen mit Leib und Seele sind; und das nicht nur, weil uns Gott so geschaffen hat, sondern auch, weil er uns Tag für Tag in Leib und Seele begegnen will. Und wenn wir unsere Gotteshäuser so einrichten und schmücken, dass wir in ihnen auf eine Begegnung mit Gott eingestimmt werden, dann ist es auch eine Überlegung wert, wie wir unseren Leib so pflegen, dass er ein gutes Zuhause sein kann für uns, aber auch für Gottes Gegenwart in uns.

Die Hoffnung, die Sacharja ausspricht; das Versprechen Gottes, dass er unter seinem Volk wohnen will – es wird im Neuen Testament nicht zurückgenommen, sondern noch radikalisiert: In Jesus Christus – Gott als Mensch unter uns, in seinem Geist, den er uns gibt, um in uns zu wohnen und uns nach dem Bild Jesu in unserer Persönlichkeit umzugestalten.

 

3.  Jetzt sind wir ganz bei uns selbst angekommen; aber es würde Entscheidendes fehlen, wenn wir nicht noch eine weitere Perspektive der Hoffnung des Propheten aufnehmen würden: Die Hoffnung, dass das Volk Gottes nicht unter sich bleibt, sondern andere Völker anzieht und sie in die Nähe Gottes einlädt. Wie gesagt, der Prophet denkt Jerusalem gewissermaßen als den „Nabel der Welt“, der mit dem Tempel als der Wohnung Gottes die Völker anzieht wie ein Magnet. Wenn wir das Neue Testament auf diese Hoffnung hin befragen, müssen wir dann nicht sagen: Irgendwie hat sich die Bewegungsrichtung umgekehrt? Nun, die junge christliche Gemeinde in Jerusalem hatte offensichtlich eine hohe Attraktivität unter den in Jerusalem wohnenden oder dorthin pilgernden Juden. Die Menschen anderer Völker konnten so jedoch nicht erreicht werden. Und so bewegte sich die Mission der Jesusbewegung in die umgekehrte Richtung: Von Jerusalem aus in alle Welt, um dort den Gott Israels bekannt zu machen, der In Jesus Christus nicht nur Israel, sondern Menschen aller Völker zu seinem Volk machen will.

Das Jerusalem, von dem diese Bewegung ausgegangen ist, ist immer noch ein Sehnsuchtsort. Ein Ort voller Geschichte, eine heilige Stadt mit den heiligen Stätten von Judentum, Christentum und Islam – auch wenn „Heiligkeit“ in diesen Religionen nicht unbedingt dasselbe bedeutet. Diese bis auf den heutigen Tag so schöne und doch so umkämpfte und zerrissene Stadt weist aber für – wenigstens für uns Christen – über sich hinaus auf eine Zukunft, die sich nicht einfach aus Geschichte und Gegenwart dieser Stadt heraus entwickelt. Der Sehnsuchtsort im Neuen Testament ist nicht das alte, sondern das „neue Jerusalem“, das himmlische – weil von Gott kommende Jerusalem. Die Stadt, in dem es bezeichnenderweise keinen Tempel mehr gibt, weil Gott auf eine uns noch unvorstellbare Weise gegenwärtig sein wird. Die Stadt, die allen Völkern gehören wird, von der große abschließende Vision der Johannesapokalypse sagt: „Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden [wörtlich übersetzt] seine Völker sein, und er selbst – Gott mit ihnen – wird ihr Gott sein“.

 

So führt das neue Testament die Hoffnungsperspektive des Alten weiter. Ich bin mir sicher, dass Sacharja seine Hoffnung darin wiedergefunden hätte. Wo Gott wohnt, da ist es auch für uns Menschen gut zu wohnen – in unserer eigenen Haut, in unseren Gotteshäusern und den Gottesdiensten, die wir in ihnen feiern, und einmal in der weltweiten Gemeinschaft in seinem Reich.

Amen.

 
Sup. Schürer-Behrmann: Frieden in Bedrängnissen

 1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, 

haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; 
2 durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben 
zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns 
der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. 
3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der 
Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 
4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 
5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; 
denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen 
durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. 
6 Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. 
7 Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; 
um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. 
8 Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, 
dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 
9 Um wie viel mehr werden wir nun 
durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, 
nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! 
10 Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind 
durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, 
um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, 
nachdem wir nun versöhnt sind. 
11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unsern Herrn Jesus Christus, 
durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.
 
I
Liebe Gemeinde, es gibt Menschen, die ich bewundere. Je lauter ein Streit wird, desto ruhiger werden sie. Auch wenn die Gefahr immer größer wird, verlieren sie nicht den Überblick, sondern verhalten sich umso umsichtiger. Wenn sie angefeindet werden, dann reagieren sie nicht mit Wut und Zorn. Sondern sie bleiben sachlich und finden Worte, die die Angriffe zurechtweisen, aber die Angreifer nicht verletzen. Sie verzichten darauf, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. 
Es gibt berühmte Beispiele für solche Personen: Von Dietrich Bonhoeffer heißt es, dass er im Gefängnis Ruhe und Souveränität ausgestrahlt hat und seine Bewacher so beeindruckt hat, dass sie ihn ihrerseits auch mit Respekt behandelt haben.
Vor einigen Jahren gab es einen Film mit dem Titel „Von Menschen und Göttern“. Er schilderte die Mönche eines Klosters in Algerien während des Bürgerkrieges in den 1990er Jahren, die von islamistischen Milizen mit dem Tod bedroht wurden. Der Abt des Klosters bleibt in den Verhandlungen ganz ruhig und begegnete den Terroristen ohne Angst, aber auch ohne Hass und Verurteilung. Ähnliches wurde in den letzten Monaten von christlichen Mönchen aus Syrien berichtet.
Und ich denke an die Familienangehörigen eines der Opfer des Anschlages auf die afro-amerikanische Kirche in South Carolina vor einigen Monaten: Sie verlangten nicht wie viele andere die Todesstrafe für die jungen weißen Schützen, sondern sagten, dass sie ihm vergeben.
Aber es gibt auch alltägliche Beispiele: 
An Menschen, die im Arbeitsleben Sticheleien abschütteln, oder die in einem Streit versuchen, auch für den Gegner einen Ausweg zu finden. 
Und vor einigen Wochen erzählte mir ein 25jähriger somalischer Asylbewerber, wie ein deutscher Mann ihn angefeindet hatte. In einer Mischung aus Naivität und Selbstbewusstsein fragte er den deutschen Mann zurück, warum er so war, und der Deutsche war so verdutzt, dass sie ins Gespräch kamen. Schon beim Zuhören war ich wütend auf den Deutschen - und umso beeindruckter von unserem 25jährigen Freund und seiner Gelassenheit und Freundlichkeit.
 
II
Liebe Gemeinde, das Vor- oder sogar das Urbild all dieser Menschen ist für mich Jesus Christus. Er konnte zwar auch leidenschaftlich sein, wie in der Geschichte von der Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel. Aber wenn er bedrängt wurde, blieb er ruhig. Öfter antwortete er mit einer klugen Gegenfrage, die manchmal sogar seine Bedränger beeindruckte. Und am Ende hinderte er seine Jünger daran, ihn mit dem Schwert zu verteidigen, was nur zu weiterem Blutvergießen geführt hätte. Als er am Kreuz starb, verfluchte er seine Verfolger nicht, sondern vergab ihnen. Nach der Erzählung von Markus, Lukas und Matthäus bewegte sein Sterben den römischen Hauptmann, der für seine Hinrichtung verantwortlich war, so sehr, dass der bekennen musste: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen. Und lasst uns versuchen, das nicht als eine dogmatische Aussage zu hören, sondern als ein Ausdruck einer tiefsten Bewegung: Ja, dieser Mensch war er ein Mensch, so wie Gott ihn will! Er stellt er mein ganzes Leben in Frage: Alles muss anders werden, und ich muss anders werden!
 
III
Liebe Gemeinde, es gibt Menschen, die ich bewundere. Sie bleiben auch im Angesicht von Angriffen, von Bedrängung und Verfolgung, ruhig und stiften Frieden. Und ich möchte werden wie sie. Aber wie gelingt es diesen Menschen, so zu sein? Ist es ein großer innerer Kraftakt, eine eiserne innere Disziplin, die sie sich auferlegen? Oder sind sie einfach so geboren?
Ich glaube, es ist etwas anderes. Diese Menschen ruhen in sich. Sie haben Frieden. Aber ich kann noch einmal fragen: Woher kommt dieser Frieden, diese Ruhe? Und da muss ich meinen vorigen Satz verändern. Vielleicht ruhen diese Menschen gar nicht in sich. Sondern sie ruhen in etwas Größerem. Als Christen sagen wir:  ja, sie ruhen in Gott. 
Bei Jesus Christus scheint das offensichtlich. Er ist doch Gottes Sohn. Aber selbst bei ihm ist seine Ruhe nicht eine magische göttliche Substanz, wie ein Zaubertrank, in den er gefallen wäre, als er ein Säugling war. Sondern dieser Friede, diese Ruhe ist etwas Lebendiges. Im Garten Gethsemane, vor seiner Verhaftung, vor seinem Leiden und Tod, ringt er mit Gott: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!“ Aber nach diesem inneren Kampf, nach diesem Ringen um darum, auch in dieser Situation in Gott zu sein, findet er wieder in die Beziehung, und es wird ihm eine neue Stärke geschenkt, die stärker ist als die Todesangst.
Und die, die nach ihm kommen, können sich immer wieder auf ihn be-ziehen. Ja, in Jesus Christus hat Gott seine Liebe gezeigt: er lebt, was er selbst verkündet hat: Segnet, die Euch verfolgen! In ihm ist Gottes Liebe unendlich groß. Sie gilt allen, auch denen, die sie nicht verdient haben. Und das sind wir wohl alle. Denn wir alle haben Eigenschaften und Momente, die uns ganz unliebenswert machen. 
Aber wenn wir zu ihm sehen und erkennen, wie Gott uns liebt, macht uns das frei: Wir müssen nicht mehr um jeden Preis uunsere Leben, um Liebe und Anerkennung kämpfen, damit wir sie endlich verdienen. Sondern wir können sie frei und ohne Furcht leben, weil wir sie schon geschenkt bekommen haben. Und in der neuen Freiheit können wir selbst als Liebende und als Friedensstifter leben. In den Worten des Paulus: Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, durch vertrauen zu Gott, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu Gottes Gnade, in der wir leben, und rühmen uns der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.
 
IV
Wir rühmen uns der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird. 
Rühmen heißt bei Paulus nicht, das wir mit etwas angeben. Sondern rühmen heißt, stolz und dankbar sein, sich freuen, sich glücklich preisen über etwas, was mich zu dem Menschen macht, der ich bin. Und da rühmt sich Paulus nicht irgendwelcher besonderer persönlichen Eigenschaft, sondern er ist stolz und dankbar für den Frieden und die Hoffnung, die aus Gott kommen und die Gott gibt.
Und seltsamerweise kann er in diesem Frieden und in dieser Hoffnung dann sogar für die Bedrängung dankbar sein, die er erleben muss. Nicht, weil die Bedrängung an sich gut ist. Aber angesichts der Bedrängung kann der Frieden sich bewähren. Er kann neu erlebt und errungen werden. Er kann vertieft werden. Und er kann sich ausbreiten. Und das ist alles möglich, weil im Glauben klar ist: Dieser Friede und diese Liebe sind Gottes letztes Wort. Es kann dagegen zwar viele Widerworte und sogar gewalttätigen Widerstand geben, aber sie werden am Ende nicht siegen, sondern durch die Liebe und den Frieden überwunden werden.
 
V
Liebe Gemeinde, heute ist der Sonntag der Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen in der Welt. Dabei denken wir natürlich auch an alle anderen Menschen, die wegen ihrer Überzeugungen bedrängt werden. Aber heute eben besonders an unsere bedrängten christlichen Geschwister, und davon gibt es leider mehr als genug. Wir wissen, dass die pure Existenz des Christentums in den Ländern des Nahen Ostens bedroht ist. Wird es nach den aktuellen Kriegen dort die Jahrtausende alten orthodoxen und katholischen Gemeinschaften, und auch die kleinen, neueren evangelischen kirchen,  überhaupt noch geben, oder nur noch eine über die ganze Welt verteilte Flüchtlingsdiaspora? Dabei vergessen wir nicht, dass die unendliche Tragödie nicht nur auf das Konto von islamistischen Terrormilizen geht, sondern seinen Ursprung auch in dem mit Lügen begründeten zweiten Irak-Krieg von George Bush und in so viel weiteren imperialistischen Einmischungen hat.
Wir denken auch an Christen in vielen anderen Ländern, die bedrängt werden, nicht immer von Islamisten, sondern auch von Hindu-Nationalisten und Staatsatheisten, in Pakistan, Indien, Indonesien und in Nordkorea, aber manchmal sogar von Herrschern, die sich selber als Christen ausgeben, aber es nicht zulassen wollen, wenn christliche Ge-meinden für die Schwachen in den Gesellschaften einsetzen, wie in den Philippinen, in Mexiko, in Rußland, in der Ukraine. Und in diesem Jahr denken wir besonders an die Christen in Eritrea. Und vielleicht denken wir sogar an christliche Jugendliche,  der sich bei uns Häme anhören müssen, wenn sie für ihren Glauben eintreten.
Wir rühmen uns der Bedrängnisse?! Können wir von ihnen allen verlangen, so auf die Bedrängung und Verfolgung zu reagieren, wie es Paulus beschreibt? Natürlich nicht. Besonders können wir nicht von ihnen verlangen, tatenlos dabei zu stehen, wenn die Schwächsten, die Kinder und die Alten, bedrängt und verfolgt werden. Da gibt es nichts zum Stolz sein, sondern da müssen sie fliehen, so gut und so schnell es geht. Das ist allerdings christlicher als mit Waffengewalt der Bedrückung entgegenzutreten. Und für uns andere gilt: Wir müssen ihnen helfen, so gut es geht. 
 
VI
Wir denken auch an Christen in vielen anderen Ländern, die bedrängt werden. Können wir von ihnen verlangen, so auf die Bedrängung und Verfolgung zu reagieren, wie es Paulus beschreibt? Natürlich nicht. Aber wir können es ihnen und uns wünschen, dass uns der Friede und die Ruhe und die Hoffnung und die Freude geschenkt werden, so zu reagieren, wenn wir selbst bedrängt werden, im Kleinen oder im Großen. 
Auch im Zurückweichen und im Fliehen ist das möglich: ja, wir sorgen uns um unsere Leben und um die Leben der Menschen, für die wir verantwortlich sind. Aber mein irdisches Leben ist für mich nicht das höchste Gut, um dessentwillen ich alles tun würde. Mein höchstes Gut ist der Friede mit Gott, das Wissen, geliebt zu werden, und diesen Frie-den und diese Liebe würde ich um nichts in der Welt aufs Spiel setzen. Und ich würde alles tun, damit sie auch andere erreichen können. Und dazu pflege und erneuere ich meine Beziehung auf diese Liebe hin, im Gebet im Lob und im Dank, in der Klage und in der Fürbitte. Ich übe Nächstenliebe. Und in dem allen gehe ich gehe immer wieder hinein in den Raum der Gnade, den Jesus Christus geschaffen hat.
Ob das gelingt? Liebe Gemeinde, wir wissen es vorher nie sicher. Aber wir können es uns und allen wünschen, Und wir können auch gewiss sein: selbst wo es nicht gelingt, Jesus Christus ist da, die Liebe Gottes bleibt da, und wenn wir den Frieden verloren haben, können wir ihn wieder suchen und finden und neu anfangen. Dann wird die alte Welt nicht wieder neu hergestellt, aber dann kann eine neue Welt entstehen. Dann werden wir nicht zu Heiligen und hoffentlich nicht zu Menschen, die sich selbst bewundern und selbstgerecht rühmen. Aber wir werden zu Menschen, die voller Staunen und Dankbarkeit sind für die Gnade und Liebe Gottes, die wir in unseren Leben erleben können und die uns immer neu Frieden schenkt und mit ihm Kraft und Freiheit. Und so schwierig vieles heute ist: 
Wenn ich ansehe, wie Christen sich in unserem Land und in vielen Ländern Europas für die Flüchtlinge einsetzen
Wenn ich ansehe, wie Freiwillige an die Grenzen gehen und den Menschen dort helfen
Wenn ich sehe, wie die evangelischen Christen Angela Merkel und Frank Walter Steinmeier mit vielen anderen darum ringen, dass men-schenwürdige politische Lösungen gefunden werden
dann bin ich gewiss, dass sich dieser Friede am Ende siegen wird, und sich trotz aller Bedrängnis und mit in den Bedrängnissen schon heute weiter ausbreitet. 
 
Amen. 
 
Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti in der Kirche St. Georg von Pfarrerin Falkenhagen

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder, der Friede unseres Herrn Jesus Christus sei mit uns allen. Amen. In unserer Familie kommen wir immer wieder einmal auf Albert Einstein zu sprechen. Wir mögen ihn gern, weil die Anekdoten, die von ihm überliefert sind, oft witzig sind und das einseitige Bild von einem verknöcherten und ernsten Wissenschaftler in Frage stellen. Zum Thema unseres heutigen Gottesdienstes passt eine kleine Geschichte, in der Albert Einstein auch die Hauptrolle spielt. 

 

Ein italienischer Physiker, ein Freund Albert Einsteins, besuchte ihn eines Tages und man kam auf Gott und die Schöpfung zu sprechen. Der Freund konnte es nicht verstehen, dass Albert an ein höheres Wesen glaubte. Er sagte: «Albert, du als großer Mathematiker und Physiker glaubst an einen Gott? Du? Wie willst du das beweisen? Ich glaube nur an das was ich sehe.»
Albert Einstein antwortete: «Mein Freund, ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt. Ich glaube aber daran, dass es ein höheres Wesen gibt, welches dieses alles erschaffen hat. Manche nennen dieses Wesen Gott. Ja, ich glaube daran. Beweisen? Beweisen kann ich es dir nicht.» Sein Freund lächelte und fühlte sich bestätigt. Da fügte Albert Einstein noch etwas hinzu: «Lege mir deinen Verstand auf den Tisch und ich will daran glauben, dass du einen hast.»
 
Lege mir deinen Verstand auf den Tisch. Lege mir deine Liebe auf den Tisch. Lege mir deine Freundschaft auf den Tisch. Lege mir dein Vertrauen auf den Tisch. – Wenn ich es sehen kann, dann bekommt das alles für mich Bedeutung. 
Ihr merkt schon, liebe Schwestern und Brüder, unser Leben besteht aus vielen Wirklichkeiten, die bei weitem nicht alle mit dem einfachen Sehen oder mit schlichten Formeln  zu erfassen sind. Ganz oft müssen wir in unserem Alltag einfach  vertrauen und davon ausgehen, dass etwas da ist und wirkt, was wir nicht direkt vor Augen haben. 
Wenn wir es recht betrachten, macht solch ein Vertrauen ja  auch erst ein erfülltes Leben aus. Wer solch ein Vertrauen nicht aufbringen kann, ist ein armer Mensch, denn er oder sie wird kaum in eine entspannte Beziehung zu anderen Menschen treten können. Er oder sie wird misstrauisch sein, wird sich nicht auf andere einlassen können. 
„Ich glaube nur, was ich sehe“ – bei Lichte und ganz realistisch betrachtet, kann kein Mensch solch einen Satz mit echtem Leben füllen. 
Im Mittelpunkt der biblischen Geschichte, die wir heute gehört haben, steht ein Jünger Jesu: Thomas. Er hat mangels Anwesenheit, den Faden verloren und einiges nicht mit bekommen. Die Erfahrungen seiner Freunde konnte er nicht teilen. Und so war er skeptisch. Er fragte nach und wollte nicht einfach so blind glauben, was die anderen berichteten. 
In der Geschichte der Kirche kam Thomas oft schlecht weg. Er wurde als schlechter Christ abgestempelt, weil er erst  Beweise von der Existenz des Auferstandenen haben wollte. So steht in vielen Bibeln als Titel über der betreffenden Geschichte: Vom ungläubigen Thomas.
Ich denke, ihm und allen Menschen, die erst einmal nachfragen,  ist damit Unrecht geschehen. Ein Christ oder eine Christin soll doch kein Mensch sein, der oder die sich aller Fragen und Zweifel enthält und diese nicht zulässt. Nein, Fragen muss schon erlaubt sein! Denn wo nicht gefragt wird, da regieren irgendwann die einfachen Antworten und den Ideologien ist Tür und Tor geöffnet. Nein, das kann nicht der Weg sein. Fragen muss im täglichen Leben und auch in Punkto Glauben  erlaubt sein!
Und Jesus lässt ja seinen fragenden Jünger  nicht  einfach so abblitzen. Er geht auf sein Bedürfnis nach Antworten ein, gibt ihm die Möglichkeit, seinen Forscherdrang zu befriedigen. Thomas bekommt die Chance, Jesus, den Auferstandenen tatsächlich zu spüren und anzufassen. Es ist eine sehr berührende Szene. Thomas ist in seinem Fragen und Zweifeln ernst genommen und angenommen. So kann er sich öffnen und Vertrauen wagen. Sehr liebevoll sagt Jesus zu ihm: Hör auf zu zweifeln und glaube!
Fragen und Zweifeln sind erlaubt, Gott öffnet sich in Jesus Christus unseren Fragen. Selber denken gehört zu einem erwachsenen Glauben unabdingbar dazu. Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir auf die Suche gehen, damit wir ihn zum Forschen nutzen, um Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden. Gerade in unseren Zeiten, in denen Menschen von zerstörerischen Ideologien geleitet sind und damit großes Unheil anrichten, gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, den eigenen Verstand aufzurufen und sich eben nicht zufrieden zu geben mit einfach daher kommenden Behauptungen. Selbst realistisch wirkende Fotos können trügen und zu Werkzeugen menschenverachtender Meinungsmache werden. 
"Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Mit Sätzen wie diesen hat der große Philosoph der Aufklärung  Immanuel Kant ein neues Zeitalter, eine ganz neue Art des Denkens in Europa befördert. Ja, zum Selberdenken gehört Mut. 
Aber, und davon müssen wir heute auch sprechen. Denken und Nutzung des Verstandes ist noch nicht alles, was es braucht, damit unser Leben erfüllt und im besten Sinne heil wird. 
Wer beim Fragen und zweifeln stehen bleibt, dem wird die Schönheit und Freude des Lebens, dem wird alle Möglichkeit zur Hoffnung verschlossen bleiben. 
Jesus ermutigt seinen Jünger Thomas: Freuen dürfen sich alle, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!
Allem Fragen und Zweifeln muss irgendwann auch einmal der Entschluss zum Vertrauen und zur Tat folgen. Thomas nimmt Jesus, den Auferstandenen  als seinen Herrn und Gott an, um fortan im Vertrauen auf ihn sein Leben zu gestalten. Erwachsen zu sein heißt, Mut zum Fragen und ebenso Mut zum Vertrauen zu haben. Erwachsen sein heißt, den Zweifel nicht einfach zuzukleistern, genauso aber auch dem Zweifel ein grundsätzliches Vertrauen entgegen zu setzen, ein Vertrauen, das der Zuversicht und der  Hoffnung selbst im Angesicht des Todes Raum gibt. 
 
In diesem Sinne sage und bete ich: Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.